It’s your choice – Politiktalk Olympia 2024

  1. Bericht der BS11 zum Politik-Talk
  2. Medienecho und Links
  3. Ihre Meinung zum Thema

1. Bericht der BS11 zum Politik-Talk

Eine tolle Idee. Ein elegant geschwungenes Olympiastadion, mit Panoramablick auf Hafen und City, leicht rückbaubar in Form von attraktiven Wohnungen, die ja so dringend in Hamburg gebraucht werden. – Ok, das Stadion ist leicht zurückzubauen. „Aber das heißt ja nicht, dass es auch günstig und sinnvoll ist“, so Joel, 13. Klasse BG. Eine von vielen Stimmen aus dem Schülerpublikum, das dem großen Politiktalk zur OlympiaBewerbung 2024 mit gespannter Aufmerksamkeit und aktiver Beteiligung folgte.

Die Hamburger Schülerschaft bekommt eine Stimme
Politik-Talk-2015 Plakat
Eine Chance für die Jugend, Politik in ihrer Stadt mitzugestalten.

Anlass der Veranstaltung: Am 29. November entscheiden die HamburgerInnen per Referendum über die Bewerbung Hamburg für die Olympischen und Paralympischen Spiele. Hamburg möchte die Stimmen seiner Schülerschaft dazu hören. Bei der „It’s your Choice“-Tour besuchen junge Politiker unterschiedlicher Parteien die Schulen, um Jugendliche über ihre Positionen zu informieren und natürlich für ihre Meinungen zu werben.

Gleich zwei Veranstaltungen hatte die BS11 für diesen Politiktalk reserviert. Am 15.10 für die Berufsschulen, und am 16.10. für die Klassen des Beruflichen Gymnasiums. Und an beiden Tagen war der Versammlungsraum im Foyer bis auf den letzten Platz gefüllt.

Politik-Talk_2015 Aula
Und diese Chance wurde von den SchülerInnen der BS11 wahrgenommen.

Die Akteure auf dem Podium: Am 15.10 Carl Phillip Schöpe (Jusos HH), Carl-Kevis-Coste (Junge Liberale HH), Die Linke (Norbert Hackbusch), Volksinitiative StopOlympia (Michael Rothschuh). Und am 16.10. Farid Müller (Grüne), Martin Dolzer (Die Linke), und Horst Domnick ( Volksinitiative StopOlympia). Eingeladen waren alle Parteien der Bürgerschaft, am Freitag waren weder CDU, SPD, FDP noch AFD vertreten, die CDU und AfD an keinem der beiden Tage. Der engagierte Moderator Bernd Fiedler von der Hamburger Jugendpresse, Projektleiter der Veranstaltungsreihe, drängte mit hartnäckigen Nachfragen die Politiker zu eindeutigen Aussagen, motivierte die SchülerInnen durch seine freundliche Art immer wieder zu Beiträgen – und kommentierte streng, gerecht und selbstbewußt das Fehlen der geladenen Parteienvertreter.

An beiden Tagen ging es hauptsächlich um die Bebauungspläne, um die Kostenfrage, um die Belastung der Bevölkerung. Im Folgenden – kurz zusammengefasst – die wichtigsten Themen und Statements, die sich sowohl am Donnerstag als auch am Freitag durch die Diskussion zogen:

Die Befürworter

Jusos und Junge Liberale (nur am Do.) betonten vor allem die großen Chancen für Hamburg. Der Rückbau des Stadions und das Olympische Dorf brächten 8000 neue Wohnungen, die Infrastruktur würde umfassend saniert, Breitensport und Behindertensport könnten nachhaltig profitieren, heruntergekommene Hafengebiete würden für Wirtschaft und Bevölkerung neu erschlossen. Und nicht zuletzt: Hamburg könnte sein Image als Tor zur Welt noch einmal steigern und vor allem ein positives Bild von Deutschland in die ganze Welt senden.

Die Kritiker

Das sahen die Vertreter der Volks-Initiative „Stop Olympia“ und der Linken ganz anders. Wirtschaftliche Interessen dominierten die Planungen. Das IOC, gesponsert durch große Konzerne, setze die Olympiastädte mit Knebelverträgen unter Druck. So liege das komplette Medienrecht beim IOC, die Gewinne streiche das IOC ein, das finanzielle Risiko hingegen liege bei den austragenden Kommunen. Hinzu kommt: Die Planungen insgesamt wären viel zu vage, der notwendige Zuschuss vom Bund sei noch gar nicht garantiert, das Geld, was Hamburg aufbringen müsste, solle man lieber gleich in den Breitensport investieren. Zumal ja viele Sportstätten in der Stadt vernachlässigt sind. Auch der Wohnungsbau und die Schaffung neuer urbaner Wirtschaftsflächen sei kein Argument. In London beispielsweise habe man schlechte Erfahrungen gemacht. Nicht nur, dass die geplanten Kosten von 10 Mrd auf 30 Mrd € gestiegen seien, aus traditionellen Wohn- und Geschäftsvierteln seien die Mieter und kleine Gewerbetreibende und Kaufleute durch exorbitante Mieten vertrieben worden, und die neu entstandenen Viertel, eine Art Hafencity, seien für Normalverdiener überhaupt nicht finanzierbar. Und so fragt wortgewandt Martin Dolzer von den Linken die versammelte Schülerschaft: „Wer von Euch lebt heutzutage in der Hafencity?“ – Alle drehen sich um, keiner meldet sich. Allgemeines Gelächter.

Die optimistischen Skeptiker

Die Vertreter der Grünen zeigten sich in ihrer Argumentation wesentlich differenzierter. Farid Müller fasste die Haltung seiner Fraktion mit einem gedehnten „Ja, aber“ zusammen. Was darunter zu verstehen ist? Zu den olympischen Spielen haben die Grünen grundsätzlich eine positive Einstellung. Aber man will keinen Gigantismus, man muss strikt auf die Einhaltung der Kosten achten und die Planungen auf ihre Nachhaltigkeit überprüfen. Gerade letzteres sei aber gewährleistet: Denn alle Stadtentwicklungsprojekte, die Hamburg bis 2040 sowieso braucht und geplant hat – ob U-Bahn, Wohnungen oder Sportstätten – werden durch Olympia vorgezogen und sogar noch vom Bund durch 6,4 Mrd € bezuschusst. Daher auch der Plan des Stadion-Rückbaus. Stadien nur herumstehen zu lassen würde teuer werden. So wie in Portugal, wo nach der EM 10 Stadien ungenutzt blieben. Oder in Athen, wo Olympiastätten bis heute zuwuchern.

Stimmen und Stimmung des Publikums

Die Frage, die aus der Schülerschaft und den Linken kam – Wozu erst 70.000 Stadionplätze schaffen, diese dann für neue Wohnungen abreißen, statt gleich neue Wohnungen zu bauen? – wurde vom Podium nicht ganz befriedigend beantwortet. Susanne, 20, Schülerin BG, hakte an dieser Stelle noch mal nach. Schadet Olympia mit seinen vielen Baustellen, den vielen Besuchern und dem Rückbau nicht der Umwelt? Der Vertreter der Grünen nahm diesen Einwand nochmals zum Anlass, den Nachhaltigkeitseffekt und den Umweltgedanken aufzugreifen. Das Besondere der Hamburger Planungen seien die stadtnahen und die kompakten Spiele. Damit würde man den Verkehr auf das absolut notwendige Minimum reduzieren. Man wolle einen ganz neuen autoarmen Stadtteil bauen, mit Fahrradschnellstraßen und einem Stadtpark mit Energiewohnungen. Man plane „klimaneutrale Spiele“. Das sei der große Unterschied zu den Bewerbungen von Los Angeles oder Budapest.
Dabei müsse man stets ein waches Auge auf die Bauwirtschaft werfen. Dass die bzw. eine Olympia-Planungsfirma auch für Katar aktiv sei, mache die Planungsvergabe allerdings nicht gerade glaubwürdig.

Sarah Klasse12-BG
Kosten für Olympia und Finanzierung der Flüchtlingskosten – wie geht das zusammen. Ein berechtigter Einwand von Sarah, 12. Klasse BG.

Sarah (Mitschülerin von Susanne aus dem BG) ging zum Schluss noch einmal auf die aktuelle Situation ein und fragte, ob es nicht sinnvoller wäre, das viele Geld für die Bewältigung der Flüchtlingskrise auszugeben. Die Antwort der Grünen hatte bereits einen Tag zuvor C.P. Schöpe von den Jusos geliefert: Wir wollen die Probleme nicht gegeneinander aufrechnen, Hamburg kann beides schaffen: Olympia und Flüchtlinge.

Zu Beginn und zum Abschluss beider Tage wurde ein Meinungsbild des Publikums per Abstimmungskarte erstellt. Während am Donnerstag zu Beginn und am Ende der Diskussion die Pro- und Contra Stimmen weitgehend ausgeglichen waren, sahen die Organisatoren, die anwesende Presse und der Schulleiter am Freitag die Ja-Stimmen deutlich im Vorsprung. So deutlich haben das andere TeilnehmerInnen allerdings nicht gesehen.

Sei’s drum. Die Resonanz auf diese Veranstaltung bei der Schülerschaft war durchweg positiv. Auch Herr Natusch, der als Schulleiter diese Veranstaltung initiiert hatte, war mit Beteiligung und Verlauf äußerst zufrieden. Diese Veranstaltung sei mehr als eine Sportevent-Diskussion gewesen, vielmehr ein Stück gelebter Demokratie mit aktiver Bürgerbeteiligung und politischer Bildung. Eine gelungene Erweiterung des schulischen Politikunterrichts mit Blick auf die komplexe Wirklichkeit.

In diesem Sinne wird die BS11 ihre Schulkultur und ihr Schulleben auch in Zukunft weiter pflegen.

2.  Medienecho und Links

Presseartikel Hamburger Abendblatt vom 17.10.2015.
„Schüler mit deutlicher Mehrheit für die Spiele in Hamburg“.
Artikel online über BS11-Facebook
 Reportagen, Videos, Bilder, Kommentare auf dem Facebook-Auftritt von
„It’s your choice“
 Homepage von „It’s your choice“
Organisation der Kampagne „It’s your choice“ : DSA youngstar GmbH
Die offizielle Hamburg-Seite zu Olympia 2024

3. Ihre Meinung zum Thema

Und jetzt: Ihre Meinung zum Thema „Olympia 2024 in Hamburg“. Feuer_und_FlammeAbstimmungen per Pro und Contra / Ja oder Nein sind Ok, um ein erstes Meinungsbild zu bekommen. Aber haben Sie nicht auch eine differenzierte Meinung zu dem Thema? Haben Sie vielleicht Vorschläge, wie man Olympia 2024 ganz anders und viel besser organisieren könnte?  Schreiben Sie uns in einigen Sätzen Ihre Meinung. Wir werden sie an dieser Stelle veröffentlichen. Beiträge per Mail bitte an die Webmaster Raimund Losse
[ralosse@web.de] oder Ralf Courvoisier [ralf@ralfcourvoisier.de].


Und hier das Meinungsforum:

R. Losse, Autor des Artikels, BS11-Lehrer und Webmaster meint:
Die Frage ist, ob man Olympische Spiele in Zukunft überhaupt noch will oder nicht. Wenn ja, und das wollen wohl die meisten, gilt es zu überlegen, was genau sich ändern muss, damit Fehler der Vergangenheit vermieden werden.

Hamburg hat ja einen alternativen Gesamtentwurf auf den Tisch gelegt. Die Bedenken gegen diesen Entwurf müssen wir ernst nehmen. Vor allem die Unwägbarkeiten von langfristigen Planungen gilt es zu beschränken. Dabei hilft sicherlich auch das Studium positiver Vorbilder. Wir sollten daher den Focus nicht nur auf negative Erfahrungen legen, sondern auch mal die (zugegeben wenigen) positiven Erfahrungen mit in die Diskussion einbeziehen.

Ich habe die Auseinandersetzungen um die Olympischen Spiele direkt in Barcelona miterlebt. Die sogenannten „Nachbarschaftsvereinigungen“ haben damals ihre Stimme erhoben und sind in die Planungen mit einbezogen worden. Das Ergebnis kann sich sehen lassen: Die Sportstätten sind wunderschön und gut gelegen und werden aktiv genutzt, die Infrastruktur wurde komplett modernisiert, alte Stadtviertel wurden behutsam für die Bewohner restauriert und eine riesige hässliche Industriebrache hat man in den attraktivsten und saubersten Stadtstrand aller Weltmetropolen verwandelt. „Barcelona hat das Meer für seine Bevölkerung wiedergewonnen“ – so hat es mir vor vielen Jahren eine ältere Dame auf den Ramblas gesagt. Und ich selber bin auf Klassenfahrten immer wieder mit meinen Schülergruppen zum Strand gezogen.Es gilt also, die betroffene Bevölkerung auch in Hamburg aktiv in die Planungen einzubeziehen und vor allem die Entscheidungsprozesse wirklich transparent zu machen. Und dabei glaubwürdig zu erklären, wie man parallele Riesenbauprojekte wie die Neue Mitte Altona und die neue U-Bahn und den weiteren Ausbau der Hafencity und den Autobahndeckel und die mögliche Elbvertiefung mit Olympia2024 organisatorisch und finanziell ohne Überforderung vereinbaren wird. Sollte sich gar herausstellen, dass die Olympia-Planung genau so verläuft wie die Vergabe des „Sommermärchens“, dann wäre solch eine vielversprechende Diskussionveranstaltung wie der PolitikTalk am 15./16. Okt. 2015 in der BS11 im Nachhinein schnell diskreditiert. Und das wollen wir auf keinen Fall.Und noch etwas: Irgendwie kommt mir bei der ganzen Diskussion der Sport selber zu kurz. Sollte er nicht eigentlich im Mittelpunkt stehen? Und wäre es nicht einmal an der Zeit, zu überlegen, wie man den Hochleistungssport so organisiert, dass man die Sportler wieder zu echten Vorbildern macht – ohne Doping, ohne Riesensummen, ohne die viele Werbung. Wäre das nicht eine einmalige Chance auch für Hamburg? Wir warten drauf. Wir sind optimistisch.