Von Verona an die Elbe | Sept. 2018

Zur Organisation und Besprechung eines Berufsschüler-Austausches kombiniert mit einem Betriebspraktikum, besuchten uns in der Woche vom 17. bis 21.09.2018 die italienischen Kolleginnen Elena Ferro und Rossella Zaghi (Lehrerinnen des Berufscolleges für Verwaltung und Finanzen in St.Bonifacio). Nach der Begrüßung bat Kollege Raimund Losse die beiden zum Interview:

R. Losse: Herzlich Willkommen, wir freuen uns sehr über Euren Besuch und auf die Zusammenarbeit mit Eurer Schule. Könntet Ihr Euch unseren Lesern bitte einmal kurz vorstellen.
E. Ferro: Mein Name ist Elena Ferro, ich bin 46 Jahre alt, verheiratet und habe 2 Kinder, ich unterrichte an unserem College Englisch.
R. Zaghi: Ich bin Deutschlehrerin und komme aus Verona, unsere Schule aber ist ca. 30 km von Verona entfernt.

Was ist das für eine Schule?
Das ist eine Fachoberschule für Verwaltung und Finanzen, eine Zweigstelle bildet auch Industrie-Mechatroniker und Bauberufe aus.  Nur die Schüler(innen) die die Ausbildung im Verwaltungszweig durchlaufen lernen Deutsch, Spanisch, Englisch, Französisch, dort sind wir eingesetzt.

Wo liegt Eure Schule?
Unsere Schule liegt in St. Bonifacio, in der Nähe vom Gardasee, Verona und Venedig.

Gut betreut und bestens gelaunt – in der Schule und beim kultuerllen Rahmenprogramm

 Wie lange seid Ihr hier und was macht Ihr hier genau?
Wir besuchen Euch eine Woche lang und wir möchten die Schule, die Lehrer(innen) und das Schulsystem in Deutschland kennenlernen, um die Möglichkeit eines Austausches bzw. einer Kooperation auszuloten. Ein Schwerpunkt des Austausches soll auch in der Durchführung eines Praktikums in Italien bzw. Hamburg liegen. Dieses Praktikum sollte im Bereich Dienstleistung, Verwaltung absolviert werden. Für unsere italienischen Schüler (innen) ist ein wichtiger Aspekt natürlich die Sprachförderung in Deutsch.

Wo wohnt Ihr hier in Hamburg?
In einer Ferienwohnung, recht zentral in Altona.

Was ist denn Euer erster Eindruck von Hamburg?
Wir sind erst gestern angekommen, es ist eine große, moderne Stadt. Sehr viele Grünanlagen sind uns aufgefallen, wir werden die Stadt im Laufe der Woche kennenlernen.

Sind Euch schon Unterschiede zwischen Italien und Deutschland aufgefallen?
Wir lieben Deutschland, deshalb bin ich Deutschlehrerin geworden. Die Deutschen haben nicht nur den Ruf als Organisierer, sondern sie sind einfach organisiert und pünktlich. Wir mögen auch das Essen! Wir waren gestern in den Kramer Amtsstuben und haben typisch hamburgisch gegessen, es war sehr gut. Einige Italiener sind da anderer Meinung. Einige Italiener denken, dass die Deutschen nicht gastfreundlich und warm sind, wir empfinden das nicht so. In Vorbereitung auf diesen Gegenbesuch haben wir bereits die Lehrer(innen), Steffi Kämpf, David Jäger und Regina Brandt aus dieser Schule kennengelernt und haben einen gegenteiligen Eindruck.
Italiener sind häufig spontaner, lebhafter und – entgegen manchen Vorurteilen – arbeiten sie auch effizient in vielen Bereichen.

Besuch des Unterrichts in Italien

Erkennt Ihr grundsätzliche Unterschiede zwischen den Schulsystemen beider Länder?
(Es folgen einige Erklärungen zum italienischen Schulsystem, hier teils stichwortartig wiedergegeben)

  • Grundschule: 5 Jahre
  • Sekundarstufe 1:
    3 Jahre, viele Pflichtfächer wie z. B. Grafikdesign, technisches Zeichnen, Musik und Kunst – viele Informationen aus vielen Bereichen, erst nachdem die Schüler diese Bereiche kennengelernt haben, wählen sie die für sie in Frage kommende Richtung.

Ist die Sek 1 beendet, dann entscheiden sich unsere Schüler(innen) für das Gymnasium oder eine berufliche Schule (ähnlich der Berufsfachschule), haben sie eine dieser Schulen 5 Jahre besucht, so können sie eine Uni besuchen. Sind sie 3 Jahre lange in der beruflichen Schule und haben den Abschluss erreicht, treten sie in das Berufsleben ein.

  • Sekundarstufe 2:
    Gymnasien mit vielen fachlichen Richtungen, indem die Schüler(innen) sich für ein Gymnasium entscheiden, legen sie sich bereits in einer Richtung fest.Seit ca. 5 Jahren müssen alle Schüler(innen) der Fachschulausbildung ein unbezahltes Praktikum im Umfang von 500 Stunden in einem Unternehmen ihrer Wahl durchführen. Ein duales Ausbildungsverhältnis gibt es in Italien nicht. Einige Schüler(innen) werden aber aufgrund eines guten Praktikums in ein Arbeitsverhältnis übernommen.

 Welche spezifischen Vorteile seht Ihr im italienischen System?

Die Schüler sind länger in der Grundschule, daher fällt die Entscheidung für die endgültige Schulkarriere später.

Bei uns ist es üblich, dass auch Schüler mit guten Noten nicht unbedingt auf das Gymnasium gehen, sie wählen auch häufig eine Berufsoberschule. Bei uns ist eine 6 die beste und eine 1 die schlechteste Schulnote (ähnlich hier dem Punktesystem).

Inklusionskinder gehen in Italien bereits seit langer Zeit nicht mehr auf Sonderschulen, sondern werden in die bestehenden Klassen integriert. Es gibt Unterstützung durch Arbeitsassistenten und wir sind personell gut ausgerüstet. Insofern haben sich die deutschen Schulen an die europäischen Schulen angepasst.

Von dieser integrativen Schulform profitieren alle Schüler. Beispielweise haben wir im Rahmen eines Commenius-Projektes in England beobachten können, wie alle Schüler(innen) Rollstuhlbasketball spielten. Bei diesem Spiel hatten die Schüler(innen) die den Umgang mit dem Rollstuhl gewohnt sind, einen erheblichen Vorteil und konnten mehr Erfolge verbuchen als die Mitspieler(innen).

An der BS 11 gefällt uns das Schulgebäude besonders gut. Es strahlt Ruhe aus und die Gestaltung und Ausstattung trägt zum Wohlbefinden bei. In unserer Schule in Italien fühlen wir uns ständig gestresst und überarbeitet.

Im Unterricht hatten wir den Eindruck, dass unsere Schüler jünger und disziplinierter sind, sie stehen auf, wenn die Lehrer den Raum betreten. Es gibt ein generelles Handyverbot.

Eine etwas heikle Frage zum Schluss. Was meint Ihr zur Politik – Italien – Deutschland – Europa?

Italien wird vorgeworfen so verschuldet zu sein; Deutschland wird vorgeworfen alles zu bestimmen.
Zur Flüchtlingsfrage: Unsere frühere Regierung hat in der Flüchtlingsfrage eher großzügig gehandelt. Allerdings haben wir den Flüchtlingsstrom nicht ordentlich versorgen können. Die jetzige Regierung geht strenger vor, aber auch das wird kritisch gesehen.

Wunderschönes Verona mit seinen Altstadtfassaden und dem berühmten Stadttor

Dann danken wir Euch für dieses Interview und wünschen Euch noch spannende Tage und Erfahrungen in unserer Schule und in Hamburg. Wir freuen uns schon auf den Austausch.