Auf Sankt Pauli Zaun an Zaun – Stadionführung

Seit knapp 1,5 Jahren gehe ich nun als Berufsschülerin auf die Berufsschule Sankt Pauli. Und mal ehrlich, was kennt man eigentlich, was um die Schule herum ist, außer der Rindermarkthalle? Na gut, jeder von uns weiß, dass sich drei Straßen weiter der Kiez befindet, drei Mal im Jahr der Dom auf dem Heiligengeistfeld stattfindet und man Party im Bunker machen kann. Allerdings gibt es noch eine weitere Attraktion, in der so gut wie jedes Wochenende, wenn wir nicht zur Schule gehen, die Stimmung kocht. Denn einer der Hamburger Traditionsvereine spielt quasi auf unserem Pausenhof Fußball.

Wenn man allerdings kein Vollblutfußballfan ist, erkennt man weder die Nachwuchsspieler, von denen unsere Lehrer schon das ein oder andere Mal erzählt haben,  noch hat man einen blassen Schimmer davon, wie es eigentlich im Stadion, welches Zaun an Zaun zu uns steht, aussieht. Ein absolutes NoGo, wie ich finde, da man immer wieder Neues ausprobieren und neugierig auf seine Umgebung sein sollte.

So kam es also dazu, dass ich an einem Gewinnspiel auf der Schul-Facebookseite teilnahm und als Wunschgewinn eine Stadionführung angab. Das Glück nahm seinen Lauf, ich gewann und meldete mich zu einer Stadionführung an, um mehr zu erfahren.

Als ich zum Haupteingang kam, warteten schon einige Menschen in der Kälte. Viele von ihnen waren schon in Sankt Pauli Fan-Montur gekleidet, wobei nicht klar war, ob dies an der bitteren Kälte lag, oder daran, dass sie tatsächlich Fans waren. Wie auch immer, es konnte endlich losgehen. Unser Guide erzählte uns zuerst ein paar Facts zum Stadion. Dabei sind mir zwei ganz besonders in Erinnerung geblieben: Zum einen ist es noch gar nicht so lange her, dass das Stadion von Grund auf saniert wurde. Diejenigen, die schon länger an der Schule sind, können sich bestimmt noch gut an den Baulärm, aber auch an die Premium-Plätze bei Spielen erinnern. Aber wusstet ihr auch, dass in dem Stadion ein Kindergarten ist? In diesem werden die Kinds tagsüber, aber auch während der Fußballspiele von Fachpersonal betreut. Wenn das nicht mal der coolste Kindergarten der Welt ist, so cool, dass er es sogar in die New York Times geschafft hat. Zum anderen ist das Station das einzige in Deutschland, das sich nicht durch einen großen Sponsor finanziert und sich deshalb schlicht und schön Millerntor-Stadion nennt. Falls ihr es noch nicht wusstet: Das Millerntor war früher übrigens eines der Stadttore Hamburgs und sollte alle Eindringlinge abhalten. Heute dient es eher als Glückssymbol dafür, dass der FC Sankt Pauli die meisten Bälle in dem Tor der Gegner versenkt.

Dann ging es los, das Stadion erkunden.

Habt ihr euch schon mal über diese monströse Figur auf der Stadionseite zu den Tanzenden-Türmen gewundert? Auch zu dieser gibt es einen spannenden Fact. Und zwar ist das Besondere an diesem Graffiti, dass es die Tor-Anzeige-Tafel aus dem alten Stadion in der Hand hält. Ein richtiges Erinnerungsstück also an die alten Zeiten.

Da es allerdings so eisig kalt an dem Tag war, waren wir alle froh, als es endlich nach drinnen zu den Spielerumkleiden und dem Höllengang ging.

Nun fragen sich wahrscheinlich einige von euch, was es mit diesem auf sich hat und ich kann euch verraten, es wird gruselig. Dieser Gang ist etwa 50 Meter lang, die Wände sind pechschwarz gestrichen und nur durch die feinen weißen und roten Zeichnungen, die die Liebe zum Verein FC Sankt Pauli zeigen, verziert. Die schwache rote Beleuchtung hellt die Umgebung in keinster Weise auf. Allerdings ist diese Schreckensstimmung gewollt, denn dieser Gang ist der einzige Weg der Mannschaften, um ins Stadion zu gelangen. Den Gegnern soll schon mal Angst eingeflößt werden und unserer Heimmannschaft soll diese Stimmung zum Anfeuern und Mut machen dienen.

Auch ich, als nicht Vollblutfan, fand dieses Feeling so beeindruckend, dass ich mich am liebsten als Ballkind bewerben würde, um die Stimmung in dem Gang kurz vor einem Spiel zu erleben.

Im Stadion angekommen, sind die Statements „Kein Mensch ist illegal“ und „Kein Fußball den Faschisten“ sofort ins Auge gesprungen. Klare Worte, die hier gelebt werden. Und das ist ein weiteres Merkmal, das den Verein FC Sankt Pauli zu etwas ganz Besonderem macht. Gerade in der heutigen Zeit ist es wichtig, solche Botschaften nach Außen zu tragen und für Gerechtigkeit und Gleichberechtigung zu kämpfen.

Unsere Führung ging durch das Zimmer, in dem die Pressekonferenzen stattfinden, zu weiteren sehr interessanten Räumen – den Separees. Separee bedeutet so viel wie „abgetrennter Raum“ und abgetrennte Räume gibt es natürlich auch im Millerntor-Stadion.

Und zwar sind die Logen gemeint. Jeder, der eine Loge mietet, bekommt einen leeren Raum. In dem nicht einmal ein Fußboden verlegt ist. Der Eigentümer auf Zeit darf dann seine vier Wände nach seinen Wünschen gestalten. Wie ihr euch vorstellen könnt, sieht keine Loge wie die andere aus und das ist auch gut so. Wenn ihr auch mal das Feeling in einer der einzigartigen Logen erleben möchtet, kann ich euch nur diese Stadionführung ans Herz legen, denn das bleibt an dieser Stelle mein Geheimnis.

Auf den letzten Metern durch das Stadion sind wir quasi durch eine Kunstgallerie gegangen. Denn einmal im Jahr dürfen junge Künstler aus der ganzen Welt einen Platz im Gang gestalten und so zeigen, was sie können.

Dieses und das Projekt „Viva Con Aqua“ haben ihren Ursprung beim vielseitigen und toleranten Fußballverein FC Sankt Pauli – ein guter Grund ein Vollblutfan zu werden.

Beitrag von Johanna I15/03 – angehende Kauffrau für Versicherungen und Finanzen