Wirtschafts­analyse der Banker | Sept. 2018

An dieser Stelle wollen wir versuchen, einen kleinen Überblick zur aktuellen wirtschaftlichen Situation zu geben. Dabei werden wir schwerpunktmäßig auf aktuelle Krisen eingehen, die gegenwärtig zur Verunsicherung in der Wirtschaft führen.

I. Aktuelle Lage der Weltwirtschaft

Die regelmäßigen Wirtschaftsanalysen der BS11-Banker geben einen dezidierten Überblick über aktuelle volkswirtschaftliche und wirtschaftspolitische Aspekte. Sie entstehen teilweise unter der Mitarbeit der Schülerschaft, dienen als Unterrichtsmaterial im Berufsschulbereich und eignen sich sehr gut als Lektüre für alle wirtschaftspolitisch interessierten Leser. Hier kommen Sie zum Archiv der Wirtschaftsanalysen.

Trotz der aktuell bestehenden Unsicherheiten – Stichworte sind hier z.B. die noch nicht gelösten Handelskonflikte, die Krise um die Türkei bzw. die Krise einiger Schwellenländer, der näher rückende Brexit, die Ungewissheit hinsichtlich der Haushaltspolitik Italien,… entwickelt sich die Wirtschaft in Europa auf einem relativ stabilen Wachstumspfad. Die überaus zuversichtlichen Wachstumsprognosen für 2018 und 2019, insbesondere auch für die deutsche Volkswirtschaft, mussten zwar von den Forschungsinstituten leicht zurückgenommen werden. Trotz dieser Korrekturen wird gegenwärtig für die deutsche Wirtschaft für das laufende Jahr 2018 ein solides Wachstum von ca. 2 % erwartet.

Auch die Prognosen für 2019 liegen nur unwesentlich unter diesem Wert. Gründe für ein mittelfristig eventuell etwas geringeres Wachstum sehen die Experten weniger auf der Nachfrageseite sondern eher in dem Umstand, dass die deutsche Wirtschaft an Kapazitätsgrenzen stoßen könnte. Schon heute fehlen in einigen Branchen die Fachkräfte. Diese Entwicklung könnte sich zuspitzen. Damit korrespondiert die Meldung, dass sich die Arbeitslosenquote Deutschland auf dem niedrigsten Niveau seit der Wiedervereinigung befindet. Der deutsche Arbeitsmarkt zeigt sich also weiterhin robust. Auch andere gesamtwirtschaftliche Faktoren stimmen positiv: Der Staat erzielt deutliche Haushaltsüberschüsse, der Konsum bleibt – wenn auch etwas belastet durch höhere Energiepreise – auf relativ hohem Niveau. Die Verbraucherpreise steigen in Deutschland (und auch im gesamten Euroraum) mittlerweile moderat um ca. 2% – damit entspricht diese Inflationsrate der Zielvorstellung der EZB.

Die BIP-Wachstumsraten der Euroländer insgesamt liegen zwar im Schnitt etwas unter dem Wachstum der deutschen Wirtschaft. Bis auf wenige Ausnahmen kann aber von einer zumindest weiterhin positiven Tendenz der Euroländer gesprochen werden. Auch die Arbeitslosigkeit ist in den Euroländern weiter zurückgegangen: Allerdings liegt die Arbeitslosenquote im Durchschnitt aller Euroländer immer noch bei etwas über 8% (je nach angewendeter Berechnungsmethode auch etwas höher) und damit deutlich über der entsprechenden Quote in DeutschIand. In einigen südeuropäischen Staaten wie Griechenland, Spanien, aber auch Italien, ist die Zahl der Arbeitslosen – trotz Verbesserungen – leider weiterhin zu hoch.

Schaut man auf weitere Regionen der Weltwirtschaft so liegt die (weltgrößte) US-Wirtschaft beim Wachstum vorn: Steuerreform, höhere Staatsausgaben, weniger Regulierung, starker Konsum der privaten Haushalte sind Faktoren, die in den USA das Wirtschaftswachstum beschleunigen. Volkswirte sprechen auf Basis des zweiten Quartals von einer aufs Jahr hochgerechneten Wachstumsrate von 4%. Und auch für die nächsten Quartale überwiegt der Optimismus.
China, die zweitgrößte Volkswirtschaft weltweit, wächst offenbar mit Raten zwischen 6% und 7% . Das Wachstum liegt damit im Zielkorridor der Regierung. Allerdings sind hier die Risiken hinsichtlich der weiteren Entwicklung vor dem Hintergrund des Handelskonfliktes mit den USA zu berücksichtigen.
Die Wirtschaft Japans, die weltweit drittgrößte Volkswirtschaft, wächst nach Berichten internationaler Institutionen mit einer zwar langsameren, aber zufriedenstellenden Dynamik.
So weit so gut: Die aktuelle weltwirtschaftliche Entwicklung scheint weiter positiv zu verlaufen. Allerdings existieren einige ernst zu nehmende Risiken, die nicht vernachlässigt werden sollten. Einige diese Risiken werden im Folgenden kurz erläutert.

II. Aktuelle Risiken für die Weltwirtschaft

1. Noch nicht gelöst: Handelskonflikte zwischen den großen Volkswirtschaften

US-Präsident Trump hat seine Ankündigung wahrgemacht und begonnen, so genannte Strafzölle auf bestimmte Importgüter zu erheben. Aktuell sind davon in erster Linie Importe aus China betroffen; bei Stahl- und Aluminiumerzeugnissen werden aber auch eine Reihe weiterer Staaten bzw. Handelspartner wie z.B. die EU-Mitgliedsländer, Kanada, südamerikanische Länder,…belastet. Einige Staaten wie etwa China und die EU haben bereits Gegenmaßnahmen umgesetzt und ihrerseits Einfuhrzölle auf ausgewählte US-Produkte erhoben. Dennoch geht es dabei aktuell noch um Waren von relativ geringem Handelsvolumen. Allerdings besteht die Gefahr, dass sich die Kontrahenten gegenseitig hochschaukeln und die Entwicklung damit außer Kontrolle gerät. Eine solche Spirale gegenseitiger protektionistischer Maßnahmen, gerade zwischen den großen Wirtschaftsräumen, würde die Weltwirtschaft und insbesondere auch die exportabhängige deutsche Wirtschaft mit großer Wahrscheinlichkeit empfindlich treffen. Auch die Schwellenländer, auf deren wirtschaftliche Situation wir unten anschließend eingehen werden, würden von einem Rückgang des Welthandels belastet. Die große Mehrheit der Volkswirte ist sich jedenfalls darin einig, dass Protektionismus, d.h. Abschottung der eigenen Wirtschaft, mittel- bis langfristig für alle beteiligten Staaten – und damit auch die USA selbst – schädlich ist. Bleibt zu hoffen, dass sich die Vernunft durchsetzt und alle Seiten letzten Endes doch kompromissbereit sind und Verhandlungslösungen dadurch ermöglicht werden.

2. Neue Schwellenländerkrise? Türkische und argentinische Währung zeigen gefährliche Schwächen

Ein weiterer Krisenherd scheint sich im Bereich der Schwellenländer – insbesondere der Türkei und Argentinien – anzubahnen. Kurz zu den Hintergründen: Es ist noch nicht lange her da haben internationale Investoren auf der Suche nach höheren Renditen ihr Kapital in die Schwellenländer transferiert. Das extrem niedrige Zinsniveau in den großen Industrieländern bzw. Wirtschaftsräumen war Motivation genug, um Ausschau nach lukrativeren Anlagemöglichkeiten zu halten, Zu diesem Zeitpunkt waren – zumindest auf den Rentenmärkten – weder in den USA noch im Euroraum attraktive Renditen zu erwirtschaften.

Auch in Japan oder Großbritannien mussten Anlegerim Anlagesegment Staatsanleihen teilweise negative Renditen akzeptieren. Aufgrund des Zuflusses an Kapital in die Schwellenländer sanken auch dort die Kapitalkosten mit der Folge einer zunehmenden Kreditaufnahme bzw. die Verschuldung. Dann leitete die US-Notenbank Fed die geldpolitische Wende ein. Die Ära der extremen Niedrigzinspolitik ging und geht – zumindest in den USA – langsam zu Ende. Mittlerweile bringen zehnjährige US-Staatsanleihen wieder eine jährliche Rendite von ca. 3%. Warum sollen international agierende Anleger vor diesem Hintergrund das Risiko einer Anlage in einem Schwellenland eingehen? Folglich kam es zu einem Abzug von Kapital aus Schwellenländern. Eine Konsequenz dieser Entwicklung ist augenscheinlich die Abwertung der entsprechenden Währungen, Allerdings sind nicht alle Schwellenländer in gleichem Maße betroffen: Es müssen nämlich noch weitere negative Faktoren dazukommen: Gefährdete Schwellenländer weisen in der Regel Handels- und Haushaltsdefizite auf und/oder ein überdurchschnittliches Maß an Verschuldung auch des privaten Sektors. Dabei handelt sich häufig um Verschuldung gegenüber dem Ausland. Dazu lauten diese Kredite zu einem nicht geringen Teil auf USD oder Euro, d.h. Fremdwährung.

Es ist unmittelbar einsehbar, dass bei zunehmender Schwäche der eigenen Währung die Rückzahlung von Fremdwährungsverbindlichkeiten nicht leichter wird- und die Sorgen der internationalen Anleger dadurch tendenziell größer werden. Wenn es nicht zu vertrauensbildenden Maßnahmen der entsprechenden Regierung und/oder der Notenbank kommt kann sich schnelle eine gefährliche Abwärtsspirale entwickeln. In einer solchen angespannten Situation können dann eventuell nur noch Hilfsprogramme internationaler Institutionen wie z.B. des IWF stabilisierende Wirkung .

Ein Aspekt, der das Vertrauen in entsprechende Währungen mindert, ist bislang noch nicht erwähnt worden: Eine überdurchschnittlich hohe Inflationsrate. Sowohl die Türkei (aktuell ca. 18% ) als auch Argentinien (ca. 25%) haben mit hoher Inflation zu kämpfen. Neues Vertrauen in die Währung wird voraussichtlich nur dann entstehen, wenn die Regierung und/oder die Notenbank glaubwürdig und konsequent entsprechende fiskal- und geldpolitische Maßnahmen umsetzen. Dabei handelt es sich in der Regel um restriktive Maßnahmen wie z.B. Senkung der Staatsausgaben, Steuererhöhungen und Erhöhung der Leitzinsen. Insbesondere hinsichtlich der türkischen Politik sind die Anleger jedoch misstrauisch. Mit Sorge wird beobachtet, inwieweit dort die Unabhängigkeit der Notenbank noch gewährleistet ist. Deshalb wurde mit Spannung die jüngste Entscheidung der türkischen Notenbank erwartet. Überraschend hat sich die Notenbank zu einem deutlichen Zinsschritt entschlossen. Der Leitzins wird von 17,75 auf 24% erhöht. Unter Berücksichtigung der Inflationsrate wird dadurch ein positiver Realzins erreicht. Das soll Anleger dazu bewegen, ihr Geld in türkischer Lira anzulegen. Außerdem werden Währungsspekulationen gegen die Lira dadurch teurer.

Interessant ist, dass sich bei dieser Zinsentscheidung die Notenbank gegen den türkischen Präsident Erdogan durchgesetzt hat. Dieser hatte sich im Vorfeld wiederholt gegen Zinserhöhungen ausgesprochen. Sicherlich belastet ein derart hohes Zinsniveau die Wirtschaft. Genauso gelten aber Zinserhöhungen als probates Mittel der Inflationsbekämpfung Im Hinblick auf die Inflation scheint hier die (offene Frag) zu sein, ob dieser Zinsschritt der Notenbank noch rechtzeitig genug kam. Noch kurz zum Wachstum der türkischen Wirtschaf: Gemäß offizieller Zahlen ist die Wirtschaftsleistung im zweiten Quartal noch um ansehnliche 5,2% gegenüber Vorjahr gewachsen; allerdings betrug das Wachstum in Q1 noch 7,4% – Bremsspuren sind also erkennbar und werden sich nach Meinung von Experten noch deutlich verschärfen. Ein Aspekt fehlt noch: Für die Türkei wirken zusätzlich die politischen Querelen mit den USA belastend. Die jüngsten US-Sanktionen haben sicherlich – um es umgangssprachlich auszudrücken – das Fass zum Überlaufen gebracht; sie sind allerdings nur vordergründig Ursache für den Währungsabsturz. Die eigentlich dahinter stehenden Ursachen haben wir versucht oben zu erläutern.

Und zum Schluss der Betrachtungen sei noch eine Anmerkung gestattet: Die wirtschaftliche Entwicklung in der Türkei muss auch europäische Politiker und Banken interessieren. Und zwar nicht nur wegen den handelspolitischen Beziehungen, sondern auch aufgrund den Forderungen, die europäische Banken in nicht unbeträchtlicher Höhe – sicherlich auch im Kontext von grenzüberschreitenden Handelsgeschäften – gegenüber türkischen Kreditnehmern besitzen. Kreditausfälle von größerem Ausmaß könnten die europäische Bankenwelt belasten.

Auf die Situation in Argentinien wollen wir hier nicht mehr vertieft eingehen. Die dortigen wirtschaftlichen Probleme ähneln denen der Türkei. Die Inflation in Argentinien ist allerdings mit ca. 25% höher als die in der Türkei und die Abwertung des argentinischen Peso mit im Jahresverlauf ca. 50% noch einmal stärker. Auch stehen dort mehr die Sorgen um die öffentliche Verschuldung im Mittelpunkt zumal Argentinien vor nicht allzu langer Zeit bereits zahlungsunfähig war (Einige Anleger werden sich daran erinnern) In der Türkei ist aktuell eher die Höhe der private Verschuldung von Unternehmen das Problem.

Neben der Türkei und Argentinien sind mittlerweile auch Länder wie Indien oder Südafrika betroffen. Auch dort steht die eigene Währung unter Druck mit der Folge, dass beispielweise Rohstoffimporte immer teurer werden, die Inflation im Land ansteigt und dadurch die Gefahr politischer Unruhen besteht.

IWF-Chefin Christine Lagarde hat jedenfalls in einem aktuellen Interniew auf die Gefahren einer sich ausbreitenden Schwellenländerkrise ausdrücklich hingewiesen und in diesem Zusammenhang auch vor den negativen Folgen eines eskalierenden Handelskonfliktes gewarnt.

Ein weiteres südamerikanisches Land – nämlich Venezuela – muss leider an dieser Stelle auch genannt werden. Venezuela – ein Land mit den nach Schätzungen zweitgrößten Ölreserven weltweit – steht wirtschaftlich vor dem Abgrund. Vielmehr muss man leider schon sagen: Erlebt eine wirtschaftliche Katastrophe. Allerdings existieren die wirtschaftlichen Probleme des 1andes schon lange: Korruption, geringe Produktivität, soziale Wohltaten, die – so sieht es aus – zum Teil mit der Notenpresse finanziert wurden sowie Sanktionen der USA haben die Wirtschaft des sozialistisch regierten Landes ruiniert. Hyperinflation und eine damit verbundene Währungsreform sind die bitteren Konsequenzen.

3. GB/EU: Kommt der harte Brexit?

Einen weiteren potenziellen Krisenherd stellt für die Wirtschaft die ungelöste Frage dar, unter welchen Bedingungen Großbritannien die EU verlassen wird. Die Verhandlungssituation wirkt verfahren – die Zeit aber läuft ab. Im März 2019 sollten eigentlich die Austritts-bedingungen bzw. der Rahmen für die weitere Koexistenz zwischen der EU und GB vereinbart sein. Gegenwärtig sieht es allerdings eher nach einem harten Brexit aus – GB würde dann von der EU wie ein Drittland behandelt ohne jegliche Handelserleichterungen. Für die Wirtschaft beider Verhandlungspartner wäre dies wahrscheinlich das schlechteste Szenario. Auch hier bleibt zu hoffen, dass sich beide Seiten sozusagen auf den letzten Metern noch einigen werden. Allerdings sollte man vielleicht nicht noch allzu lange mit dem Feuer spielen. Verwerfungen an den Finanzmärkten könnten nämlich schon früher einsetzen.

4. Offene Frage: Haushaltspolitik der neuen Regierung in Italien

Seit diesem Frühjahr wird Italien von einer neuen Regierung geführt: Der rechten Partei Lega und der tendenziell links orientierten 5 Sterne Partei. Aufgrund der im Wahlkampf und zu Beginn der Regierungszeit angekündigten Erhöhung der Staatsausgaben und der damit verbundenen Zunahme der Staatsschulden machen sich sowohl Europas Politiker als auch internationale Anleger Sorgen um die Bonität des Landes. Nachdem sich deshalb die so genannten Risikoaufschläge auf italienische Staatsanleihen deutlich erhöht hatten – die Rendite für 10-jährige italienische Staatsanleihen war zwischenzeitlich auf über 3,0 % gestiegen (zum Vergleich: Zehnjährige Bundesanleihen rentieren aktuell zwischen 0,30und 0,40%) – ruderte die italienische Regierung unlängst zurück. Nunmehr möchte sie die Neuverschuldung doch deutlicher begrenzen und sich an die Euro-Stabilitätskriterien halten.
Ob die Wirtschaft Italiens ein Konjunkturprogramm benötigt und in welcher Form dieses finanziert werden könnte und von welchen flankierenden Maßnahmen (Stichwort Strukturreformen) es begleitet werden sollte wollen und können wir an dieser Stelle nicht diskutieren. Dass Italiens Wirtschaft neuen Schwung benötigt, scheint indes unter Fachleuten unbestritten.

Fazit: Kein Mangel an (potenziellen) Krisenherden

Wie wir oben gesehen haben – an einigen Stellen schon ziemlich detailliert –  herrscht derzeit kein Mangel an Krisenherden. Die Weltwirtschaft insgesamt – und damit auch die deutsche Wirtschaft – hält sich allerdings noch robust. Ob das mittelfristig so bleibt wird weitgehend davon abhängen, ob und wie die aktuell noch ungelösten (und oben besprochenen) Probleme gelöst werden. Angesichts der aktuellen Relevanz gesamtwirtschaftlicher und politischer Aspekte haben wir heute auf die Rubrik “Unternehmen“ verzichtet Auch sind wir heute auf die Entwicklung an den Finanzmärkten nicht näher eingegangen. Klar ist, dass die Anleger die weitere Entwicklung mit Argusaugen verfolgen und entsprechend reagieren werden. In einigen Monaten wissen wir mehr.

Beitrag : Frank Held | BS11 | Abteilung Banken – Sept. 2018